Food Philosophy 1

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Wenn man über den Sinn und die Sinnlichkeit des Essens nachdenkt, muss man vielleicht zunächst über den Mund nachdenken. In ihm überlagern sich die Sprache und das Essen, und es reimt sich der Biss auf den Kuss. Denkt man in Sprache über das Essen nach, denkt immer der Mund mit. Eine Philosophie des Essens gründet im Schlund unserer Herkunft, wo Urschrei und Urbrei noch eins sind.

Zunächst fliessen die Vokale des Babys in seinen Schreien laut und frei durch den Rachenraum und wecken die Eltern mit einem endlosen: Ähhiiääh Äihhää! Den Schmerz stillt die Brust der Mutter mit ihrer Milch, die ungehindert in den suckelnden Mund strömt. Doch bald schon beginnt das Baby mit der Brust zu spielen, der Strom stockt: Lallaläh! Der freie Fluss der Vokale rauscht über erste Konsonnanten, die sich wie bemooste Steine mit dem weichen W und M in den Weg stellen und für Sinnstrudel sorgen, die nur die Eltern verstehen: Wawawäh Mmhää Amamäh.

Doch dann, da bricht plötzlich der erste Zahn durch und mit ihm das dentale D und das T: Adaiat dida dadua duduwa dädä a dedet. Und bald schon höhlen die Zähnchen das erste Stück Fleisch oder raspeln über eine saftige Birne. Erste Sinninseln kreisen und kreiseln in der Strömung: Mamama Mpapa. Und der Speichelfluss fördert dann auch das erste: Pffft!

Der Strom der Nahrung und das Zusammenspiel von Vokalen und Konsonanten werden im Mund des Kindes neu strukturiert. Die Sprache und das Essens wandeln sich von der Natur immer mehr zur Kultur: Das Rohe wird vom Gekochten verdrängt, der Schrei stabilisiert sich im ersten Wort.

Und bald beginnt das Kind richtig zu sprechen und richtig zu essen – die Entwicklung läuft parallel: Gewürze lagern sich um das Kalbsplätzli wie Adjektive um ein Substantiv. Und bald bringen das Braten und Brutzeln die Verben ins Spiel. Der erste Satz ist da! Knuspriges Plätzli in zitroniger Rahmsauce. Und neben diesem kulinarischen Satz liegt als kleine Beilage auch schon ein Nebensatz, die in Butter gewendeten Nudeln.

Ja, jedes Essen ist eine Sprache. Jedes Menü eine Erzählung. Jedes Rezept folgt einer Grammatik. Zuletzt reiht man die einzelnen Gänge aneinander wie die Sätze in einem Märchen. Das Aroma der Fenchelsamen im Orangensalat leitet über zum Wolfsbarsch, der mit Pernod abgelöscht wurde, so wie die Farbe des Rotkäppchens bereits auf die die rote Zunge des Wolfes im Pijama der Grossmutter verweist.

Die ganz grossen Köche können solche Motive im Rahmen eines Menüs entwickeln wie grosse Autoren. Die einzelnen Gerichte werden in eine Erzählung eingebettet, die sich über sieben, acht oder auch zwölf Gänge erstreckt. In diesem Sinn hatte ich einst bei Fredy Girardet in Crissier das beste «Buch gegessen». All die Aromen des Menüs fügten sich zu einem grossen Spannungsbogen. Es war die perfekte Novelle. Ein Stück Literatur, Biss für Biss, Satz für Satz.

Und wir? Wir servieren dem geliebten Gegenüber beim ersten Date im Teller angekohlte Fragmente einer kulinarischen Sprache der Liebe. Stotternd beginnen wir wieder zu lallen und erinnern uns an die frühe Lust des Stillens. So kultivieren wir die Sprache und das Essen so lang, bis es im Teller erkaltet und der Mund zurückfindet zur Sprache vor allen Worten: Zum Kuss.

 

Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb