Food Philosophy 5

Illustration, Simon Trüb

BLOGGEN ODER KÜSSEN?

Da sitzt es wieder: Ein modernes Pärchen im Restaurant, beide mit dem Handy über den Teller gebeugt, als könnte er ihnen sagen, wer der beste Food-Blogger ist im ganzen Land. Statt verliebt unser Gegenüber anzuschauen, spiegeln wir uns lieber im eigenen Teller. Und warten auf «likes» statt auf den Kuss der nahen Lippen.

Im Zug der elektronischen Evolution scheint es, dass die Menschen gerade im Restaurant nur noch mit den Augen essen. Und dabei alle Manieren vergessen.  Denn keiner ist sich zu fein, ein Food-Blogger zu sein. Dabei verpasst man leider oft das Leben.

Das wusste keiner besser, als der erste «Food-Blogger» der Welt. Und das war nicht, wie man meinen könnte, der durchaus elegante Brillat-Savarin, dessen Name noch heute als Weichkäse auf unserer Zunge schmilzt. Sondern der grimmige und eigensinnige Grimod de la Reynière. Er publizierte 1803 den ersten Food-Führer der Welt – und mahnte seine Fans mit einem makabren Essen, dass wir das Leben zur rechten Zeit feiern sollten:

Die Einladungskarte war als Todesanzeige gehalten. Abgemagerte Kellner mit Leichenmienen führten die Gäste in einen Raum, dessen Fenster mit schwarzen Tüchern verhängt waren. Setzen mussten sie sich vor Särge und die Speisen wurden auf Todesbahren aufgetragen – alle, das versteht sich, schwarz wie der Tod: Trüffel in Asche, Taube in gestocktem Blut, Schokoladenkuchen in Sargform und 17 Tassen Kaffee pro Kopf. Und schon sprang der Gastgeber hervor und wandelte den Leichenschmaus in ein Fest des Lebens.

Er kannte dessen Wert: Nach einer qualvollen Quergeburt waren seine Hände verstümmelt wie Hühnerkrallen. Zunächst versteckten ihn die Eltern vor der Öffentlichkeit, dann schickten sie ihn in den Schweizer Jura, wo der Uhrenmacher Jaquet-Druoz für das Kind feingliedrige Metallfinger mit Goldapplikationen entwarf.

Die nun führte Grimod um 1800 in seiner abgedunkelten Probierstube über Teller, die man ihm aus der Küche nach oben schickte. Er erschnüffelte jedes Aroma-Atom und krächzte Korrekturen durch ein Sprachrohr wieder nach unten. Mit der einen künstlichen Hand führte er sich die Bissen in den Mund, mit der anderen notierte er seine Eindrücke für den ersten Gourmet-Führer der Welt: Den Almanach des Gourmands (1803-1812).

Und auch der entstand als Feier des Lebens auf makabrem Hintergrund: Gerade waren in der französischen Revolution die Adligen von Robespierre mit der Guillotine geköpft worden (woran das fein geschnittene «Robespierre» in der Zürcher Kronenhalle erinnert), da standen deren Leibköche arbeitslos auf dem Pflaster von Paris. Und schon schossen Restaurants aus dem Boden. Grimod klapperte sie Quartier um Quartier ab. 

Er schickte seine Eindrücke nicht wie heutige Food-Bloggers im Sekundentakt um die Welt, sondern veröffentlichte ab 1803 jedes Jahr einen Band. Er führt uns entlang üppigen Auslagen von Madame Dubourg an der Rue Saint-Honoré zu einem hängenden Hirsch und dahinter in ein dunkles Loch im Palais Royale, wo er besonders gute Käse aufstöbert, um dann Corcellet als «beste Boutique von Paris» zu loben, wo jeder Hummer und jedes andere «marine Monster» eine eigene Etiquette mit seiner Herkunft aufweist. Terroir pur.

Natürlich spart er nicht mit Kritik. 1812 stellt er die Publikation wegen einer Flut von Prozessen ein. Zuvor aber widmete er jede Nummer einem Thema: Etwa den einzelnen Monaten im «Calendrier nutritif», der bis heute gültig ist: «Ende April zeigen sich die Köpfchen der Spargeln, ein grosser Trost für all die, die der mehligen Kartoffeln überdrüssig sind und sich nach Grünzeug verzehren. Dieses Gemüse ist in Paris immer sehr teuer und nur etwas für die Reichen, denn es ist nicht sonderlich nährreich, dafür leicht aphrodisierend.»
Dann folgt der Wonnemonat: «Der Mai mit seinen Makrelen, Erbsen und liebenswerten Tauben ist ein Monat, den die Feinschmecker genauso schätzen wie die Verliebten, mit dem Unterschied, dass es für die Liebe nur eine kurze Saison gibt, während für die Gourmandise noch das ganze Leben bleibt.»

Das sollte man vielleicht dem Pärchen sagen, das die Teller ins Netz stellt, statt sich im Jetzt in die Augen zu schauen. Über Food bloggen kann man noch das ganze Leben – jetzt aber ist es Mai und damit Zeit für die Liebe.

 

Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb