Food Philosophy 6

Food Philosophy 6 Simon Trüb

Wie man sich doch täuschen kann: Mitten auf der Bahnhofstrasse öffnete eine junge Frau ein Plastikfläschchen mit Sojasauce, wobei sie so nah an einem Abfalleimer stand, dass nicht ganz deutlich war, ob sie die Sauce direkt in den Schlitz für Abfall oder über ihre Poké Bowl schüttete. Fast schon hätte ich mit gerümpfter Nase den Kopf geschüttelt, da drehte sie sich um und tänzelte davon, wobei sie mit einer Plastik-Gabel die Bissen so elegant und freudenfroh aus der Karton-Bowl fischte, dass mein Vorurteil umschlug in: staunende Bewunderung.

Und da schoss mir eine Erinnerung durch den Kopf: Als Kind kam ich am Hottingerplatz von der Bäckerei Hürlimann mit einem Sandwich in der Hand die Strasse herauf, da plötzlich zuckte wie ein schwarzer Blitz aus heiterem Himmel der Lederhandschuh eines alten Mannes hervor und schlug mir mitten ins Gesicht und den Sandwich aus dem Mund.

Mitte der 70er Jahre war ich offenbar eine Art Alien, weil ich auf der Strasse ass – immerhin prophezeite ein Gastroführer damals dem Select, wo zum ersten Mal in Zürich Essen an Tischen auf der Strasse offeriert wurden, den raschen Bankrott, denn: Der Zürcher lasse sich nicht gern von Fremden beim Essen in den Teller schauen.

So rasch wechseln die Ess(Un)sitten. So wie die junge Frau eine Unsitte durch ihre Virtuosität in eine Demonstration von Eleganz verwandelte, führte der französische Autor und Millionär Raymond Roussel die Gepflogenheiten der Oberschicht der goldenen 20er Jahre durch seine Extravaganz ad absurdum. Immer in edlen Anzügen und mit fast schon poliertem Schnurrbart galt er als absolute Stil-Ikone von Paris. Immerhin reiste er in einem neun (ja, 9!) Meter langen Auto herum, das von Lacoste gestaltet worden war und nebst einem Bett auch über ein Waschbecken verfügte.

Doch noch wichtiger als Stil war ihm sein Werk. Und da seine Romane wie etwa «Locus Solus» auf hochkomplexen Wortspielen und mathematischen Buchstabenvariationen beruhten, brauchte er dafür viel Zeit und lange Stunden ungestörter Konzentration. Da kam ihm jeder Unterbruch durch ein Souper oder Diner ungelegen. Und so verfiel er auf den naheliegenden Einfall, alle drei Mahlzeiten gleich hintereinander einzunehmen: Um 10 Uhr in der Früh bringt ein Fahrer die frischen, in Frankreichs Midi gepflückten Früchte. Denn mit ihnen beginnt Roussel bald sein Frühstück, das auch Schokolade aus der Schweiz und Käse aus der Normandie und Schokolade umfasst, die er aus der Schweiz importiert.

Mittlerweile ist es 12 Uhr 45 und ohne Unterbruch wird das Mittagsmahl aufgetragen: Austern oder, in Monaten ohne R, eine Fischsuppe und zwei mit Entenleber gefüllte Wachteln im Weinblätter-Mantel mit sorgfältig entkernten Rosinen. Nach dem Fisch ein entspannendes Sorbet. Auf ein erstes einfaches Fleischgericht folgt ein Gigot oder Wild. Nach einem Salat mit Melonen und Trüffeln drei Zwischengerichte (Pâtisserie, Rahm-Kreationen, Glace). Zum krönenden Abschluss ein aufwendig inszenierter Dessert, der etwas Historisches ins Bild setzt, etwa einen Turm zu Babel aus Schokolade.

Sogleich geht’s weiter zum Abendessen: Zunächst mit zweierlei Suppen. Gewagter dann: gebratenes Hirn und eine kalte Platte mit Entenleber aus Biarritz. Sowie weitere Zwischengerichte. Jedenfalls 16 bis 22 Teller! Uff!

Und wupps, schon war Roussel bereits am frühen Nachmittag endlich frei für seine literarischen Kreationen – oder eine Runde in seinem extravaganten Auto. Hauptsache, er hielt sich streng an die Überzeugung: Man ist nicht nur, was man isst, sondern auch wie man isst.

Ob man die herrschenden Sitten also durch Exzentrik ad absurdum führt oder die grassierende Unsitte durch beschwingte Eleganz zur Performance adelt – man sieht einmal mehr: Alles ist relativ.

 

Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb