Food Philosophy 7

Kolumne

Man ist, was man isst. Diese Binsenwahrheit ist absurderweise gerade den Philosophen lange entgangen. Im Reich der reinen Ideen, die durch den Kopf kreisen, spielte der Bauch mit seinen niederen Gelüsten keine Rolle. Das änderte sich erst, als sich Friedrich Nietzsche 1883 eine «Beefsteak-Maschine» für seine kleine Kammer in Sils-Maria kaufte.

Gegen seine rasenden Kopfschmerzen hatte er schon allerhand versucht: Gerade erst war seine Milch-Diät mit Kaltwasserkuren im Caumasee bei Flims fehlgeschlagen, da stellte er seine Ernährung um und liess sich von seiner Mutter Lachsschinkli nach Sils schicken. Dazu wollte er viel rotes Fleisch, nur kurz gegart in seiner neuen Maschine, denn er war lüstern nach neuen, möglichst rohen Gedanken.

Und schon schrieb er: «Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht.» Dieses Bonmot von Nietzsche hat man in seiner tiefen Doppeldeutigkeit meist missverstanden. Denn Nietzsche wusste darum, dass wir im Grunde unseres Wesens alle bi-sexuell sind und musste weder auf Sigmund Freud noch auf die non-binäre Mode warten. Jedenfalls hat er sich mit seinem Nebenbuhler Paul Rée und Lou Andrea Salomé in Luzern fotografieren lassen: Die beiden Männer ziehen einen Karren, auf dem Lou steht und in der Hand eine Peitsche schwingt. Das einzige was sich Nietzsche nicht verzieh: Dass er noch einen Flieder in die Peitsche eingeflochten hatte – etwas viel S/M-Kitsch!

Er heilte seinen Liebesschmerz, weil ihn Lou verschmähte, mit seinem Werk Also sprach Zarathustra. Darin spricht er aus, dass der Leib über eine höhere Vernunft verfügt als der Kopf. Er kannte jetzt die verdrängten Triebe, die wie «wilde Hunde vor Lust in ihrem Keller bellen». 

Und dieser Keller lag bei den Philosophen im Bauch: Kants kategorischer Imperativ ist so lustlos und zäh wie das das Fleisch, auf dem er an seinem Mittagstisch jeweils so lange herumkaute, bis er allen Jus herausgepresst hatte. Quasi die geistige Essenz. Den Rest spuckte Kant aus und versteckte ihn unter dem Brot. Die plumpe Materie hat im Reich der Ideen keinen Platz! Doch Nietzsche deckte auf, dass Kants Philosophie so schwerfällig ist, weil er falsch gegessen hat: Der Kopf denkt, der Bauch lenkt!

Die deutsche Philosophie ist letztlich nichts anderes als eine Magenverstimmung: «Aber die deutsche Küche überhaupt – was hat sie nicht alles auf dem Gewissen! Die ausgekochten Fleische, die fett und mehlig gemachten Gemüse; die Entartung der Mehlspeise zum Briefbeschwerer! So versteht man auch die Herkunft des deutschen Geistes – aus betrübten Eingeweiden.» 

Es gilt also eine Diät fürs Denken zu entwickeln. Dummerweise ging der Versuch mit der Beefsteack-Maschine schief. Die Kopfschmerzen blieben und überhaupt war ihm das rohe Fleisch dann letztlich doch zuwider: «Die englische Diät ist eine Art Rückkehr zur Natur, nämlich zum Kannibalismus und geht meinem eignen Instinkt tief zuwider; es scheint mir, dass sie dem Geist schwere Füsse gibt.» Der Denker aber braucht leichte Füsse, die ihn durchs Fextal tragen und tanzen lassen wie die Gedankengänge eines freien Geistes.

Das erlebte Nietzsche dann in Turin: «Die beste Küche ist die des Piemonts.» Und so tanzte er beflügelt von leichten Tortellini, luftigen Grissini und kühlen Gelati halbnackt durch die Galerien von Turin und tippte den Leuten auf den Rücken und fragte, ob ihnen das Wetter gefalle. „Son dio!“, sagte er: Ich bin Gott und habe mir die Welt als Scherz ausgedacht, um mich in meiner Einsamkeit und Langeweile zu amüsieren. 
Der Mensch galt Nietzsche nun nur noch als eine Art Amuse bouche vor dem Hauptgang, dem Übermenschen. Dummerweise stieg die Luft der leichten Grissini Nietzsche bald so in den Kopf, dass der mitten hinauf schwebte in die Wolken des Wahns. Der Denker war seiner Diät nicht gewachsen.

PS: Ich war letzthin gerade drei Tage in Mailand und habe sie gefeiert: Die Tortellini und Grissini und Gelatini – als ich zurückkam habe ich aber leider keinen neuen Zarathustra geschrieben, sondern nur diese Kolumne. Das zeigt eine andere Binsenwahrheit: Diät ist eben doch nicht alles.

 
Text: Stefan Zweifel
Illustration: Simon Trüb