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Simon Trüb, enSoie

Illustration: Simon Trüb

 

Winter is coming. Und vor der Kälte flüchtet man sich nach Hause in seine Höhle. Dort fühlt man sich geborgen. Wie einst in der ersten Behausung: Der Bauchhöhle der Mutter. Als Schwebewesen fühlte man sich noch nicht von der Schwerkraft des Lebens niedergedrückt und flottierte frei durch sein erstes Appartement. Bald legte man sein Ohr an die Wirbelsäule der Mutter und hörte nun ihre Stimme von aussen. Lockend versprach sie die Ankunft in anderen Räumen. Denn diese Stimme war stets das Versprechen: willkommen zu sein.

Unser erster Aufenthaltsraum war also immer schon ein Resonanzraum. Eine Resonanz, die später nachhallt in unserem Bezug zur Welt, in den Gesten der Liebe, im Geniessen einer gemeinsamen Stimmung. Erinnern wir uns noch an ihn, wenn wir allein zu Hause liegen? Wie klingt eigentlich unser Zimmer? Hören wir die Geräusche von aussen gedämpft durch Vorhänge und Teppiche? Oder hallen die Stimmen aus dem Treppenhaus hell übers Parkett, vermischen sich mit den Gerüchen aus den verschiedenen Küchen? Das Haus wird dann zu einem Orchester. Es lebt wie die Musik von verschiedenen Stimmungen und sogar Dissonanzen, die sich mal in Moll, mal in Dur auflösen.

Doch immer häufiger schalten wir die Aussenwelt ab und die medialen Kanäle ein. Wir tunen uns ein in die auf uns zugeschnittenen «Algorhythmen» von Spotify. Die akustische Wiederholung des Ewig-Gleichen. Und irgendwann wollen wir gar nicht mehr raus aus unserem Haus.

So sah es schon der Urmythos der abendländischen Philosophie: Platos Höhlengleichnis. In einer Höhle gefesselt, betrachten die Menschen tanzende Schatten an der Wand und halten sie für die Realität. Bis einer sich befreit und aus der Höhle in die Helle steigt. Dort sieht er, wie am Höhleneingang allerlei Dinge vor einem flackernden Feuer vorbeigetragen werden. Den Widerschein halten die Höhlenbewohner für das Wahre. Wenn er hinuntersteigt und ihnen erzählt, dass sie nur den Schattenwurf des wahren Lebens kennen und da draussen eine andere Welt wartet, so wird er, wie Plato vermutet, von ihnen erschlagen. Sie bleiben lieber in ihrer Blase.

Ein düsteres Bild. Und ein aktuelles Bild. Denn heute kann man zu Hause in seiner kleinen Höhle sitzen und sich mit den anderen in einer Bubble gleichschalten. Die kleinen Verstimmungen werden durch «Algorhythmen» verstärkt, die oft von Neid, Wut und Ressentiment gesteuert werden. Statt die lockende Resonanz des mütterlichen Rufs herrscht die Resonanz des Negativen. 

Vielleicht sollte man sich ab und zu aus allen sozialen Medien ausklinken und die Kanäle verstopfen. Sich ganz zurückziehen. Wie einst der französische Autor Marcel Proust, der die Wände seiner Pariser Wohnung sogar mit Kork tapezierte, um weder die Nachbarn und ihr Stöhnen zu hören, noch die Aussenwelt. So konnte er hinabsteigen in die tiefsten Träume seines Ichs und eintauchen in die urtümliche Resonanz.

Das Klangbild der Liebe entdeckt er in einer Sonate von César Franck. Sie wird im Roman «eine Liebe von Swann» zum Erkennungszeichen der Liebe von Swann zu Odette. Um sie zu beschreiben, lud Proust ein Quartett in seine Wohnung und liess sich spätnachts die Sonate vorspielen. Die Melodie beschreibt er als «Dialog» von Violine und Klavier, wie das Treffen eines Vogels und eines Baums am Anbeginn der Schöpfung. Als es nur sie zwei gab: Den Vogel und den Baum. Swann und Odette. Proust und seine «maman». Die Resonanz der ersten Liebe. Ein Echo auf das früheste Versprechen, willkommen zu sein, dem wir vielleicht mehr vertrauen sollten, als den «Algorhythmen» der Gegenwart.

 

Stefan Zweifel