Home Philosophy 1

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Illustration: Simon Trüb

 

Egal wo wir sind, wir tragen die Erinnerung an unser Heim immer in uns. Und zwar in den Gerüchen. Plötzlich, wenn wir unsere Nase in frisch gewaschene Wäsche drücken, wenn wir den Deckel der Pfanne über einer Tomatensauce öffnen, da steht auf einmal unsere ganze Kindheit wie ein Adventskalender vor uns:


Das hat, wie kein anderer, der französische Autor Marcel Proust in seinem Jahrhundertroman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gezeigt. Nach dem Tod seiner Mutter wollte er ein Werk über seine Kindheit schreiben. Aber sie war in seiner Erinnerung untergegangen. Da – plötzlich – riecht er den Geruch von Lindenblütentee, in den er ein Gebäck namens Madeleine tauchte. Und schon war sie da: Die Erinnerung an seine Kindheit – wie er auf den Gutnachtkuss der Mutter wartete, wie die Haushälterin ein Huhn verkochte, wie die Irisblüten vor dem Haus rochen.


Aus dieser Erfahrung erstand sein 3000-seitiges Jahrhundertwerk. Und er zeigte uns, dass jeder von uns ein solches Meisterwerk in sich trägt, wenn er sich dem Duft  der eigenen Kindheit öffnet.


Es öffnet sich uns dann eine Erfahrung, die über Zeit und Tod erhaben ist und uns den ewigen Hauch eines Stück Zeit in Reinform vermittelt. In diesem Geruch sind wir überall auf der Welt bei uns. In ihm tragen wir das eigene Heim mit uns durch Raum und Zeit.


Ein Blick in Prousts Manuskripte zeigt uns: Er hatte diese ewige Zeit zunächst nicht mit der noblen Madeleine erfahren, sondern beim Geruch eines Zwiebacks, den sein Grossvater in Lindenblüten tunkte. Das erdet den als elitär verschrieenen Autor im Eigentlichen.


Ja, jeder von uns trägt im Geruch an seine Kindheit ein Meisterwerk durch Zeit und Raum. Egal, was dieser Geruch ist – die Zuckerwatte an der Chilbi, die Pesto einer Sommerreise nach Italien, das nasse Laub in einem Herbstwald, das Parfum der ersten Jugendliebe –, in ihm fühlt man sich plötzlich wieder geborgen und zu Hause wie nie zuvor.

Stefan Zweifel