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Simon Trüb, Stefan Zweifel, enSoie

Illustration Simon Trüb

 

Von Liebesnestern und Ohrmuscheln /
Wohnen wir in Ohrmuscheln?

Das Nest der Liebe, das wir uns wie die Schwalben unter dem Dachstuhl einrichten, das Haus der Schnecke, in das wir uns beleidigt zurückziehen, die geometrische Schönheit der Muschel, die sich wie eine Wendeltreppe höher schraubt. Solche Ur- und Traumbilder der Fantasie, in denen die Architektur mit der Natur verschmilzt, hat der französische Phänomenologe Gaston Bachelard in seinem unglaublich anregenden Buch „Poetik des Raumes“ untersucht. Bei seinen Überlegungen über das Haus als Nest oder Muschel lässt er sich von der französischen Sprache leiten – hätte er auf deutsch geschrieben, dann wäre ihm eine weitere Analogie des Hauses mit der Muschel aufgefallen: Die Ohrmuschel.

Ja, jedes Zimmer ist auch eine Ohrmuschel. Der Raum verändert die Klangwolken, die vom Draussen durch das geöffnete Fenster ins Drinnen eindringen. Hell hallen sie durch kahle Räume, sanft verhallen sie über Teppichen, grell knallen sie von den Kacheln in der Küche und sanft schweben sie durch die Dampfwolken im Bad. Und hört man, wenn man am Morgen mit geschlossenen Augen im Bett liegt, nicht bereits, wie das Wetter wird?

Manchmal gelangen die Geräusche gedämpft zu uns, manchmal schon ganz klar. Oder sie verschwinden ganz in den Wattebäuschen, die der Schnee über die Stadt legt wie in diesem Januar während des „Snowdown“: Keine Schuhe, die durch die Gassen trippeln, kaum ein Auto, alles wird geschluckt vom Schnee wie in einer Narkose. Die Welt wirkt weit weg, das Innere des Zimmers noch inniger als sonst. Aber auch ein bisschen unheimlich: Ist die Welt da draussen verschwunden?

Zurückgeworfen auf das eigene Ich, muss man die Stille selbst beleben. Das Klackern aus der Küche verspricht ein Rührei, in der Pfanne zischt der Speck. Also doch alles normal? Da gurgelt es in der Dusche bedrohlich. Und in den Wänden knarrt es. Schrumpft das Haus in der Kälte? Ist die ungewohnte Stille so unheimlich oder stehen die Haare in die Höhe, weil sie sich in der Trockenheit statisch aufgeladen haben? Die gewohnte Realität wird in der ungewohnten Klangkulisse plötzlich surreal.

Man merkt, wie sehr man in den Geräuschen zu Hause ist. Doch selten nur machen sich die Architekten über den Klang ihrer Räume Gedanken. Schliesslich ist nicht jede Wohnung ein KKL. Das merkt man, wenn man neue Boxen bestellt und sie von einem Tontechniker ideal im Raum verteilt werden. Mal knicken die Töne in den Ecken ab, mal weiten sie sich im Runden, dann tanzen sie sanft über den Teppich oder verfangen sich in den Vorhängen. Man stolpert über die Kabel der Boxen und sieht die Wohnung mit neuen Ohren.

Aber man merkt die unheimliche Macht der Geräusche auch, wenn man in einer anderen Wohnung oder an einem anderen Ort übernachtet. Die Symphonie der Grossstadt ändert sich in jedem Quartier und auch in jedem Stock eines Hauses. Unter dem Dach prasselt der Regen, man ist der Natur stärker ausgesetzt, denn der Wind pfeift durch die Fensterritzen. Dafür fühlt man sich auch geborgener unter dem schrägen Dach, wie in einem Zelt oder einer Höhle. Weiter unten ist man mehr ins Leben der Menschen eingebunden. In den Verkehr und Stress des Alltags. Denn wir wohnen in Ohren.

Und man merkt, wie sehr uns gewisse Geräusche an frühere Wohnungen erinnern. Das Plätschern des Brunnens in der Wohnung an der Spiegelgasse war für mich das väterliche Geräusch, das mütterliche das Flackern des Helikopters, der auf dem Dach des Kinderspitals landete. Noch heute fühle ich mich in einer Villa schnell verloren und sehne mich nach dem Wirrwarr im Treppenhaus eines Wohnhauses mit vielen Familien, wo am Abend sich zwischen den Balkonen die Kulturen mischen oder in tropischen Sommernächten die Seufzer der Liebe durch die Gassen streichen wie räudige Katzen.

Die Resonanzräume der Kindheit bestimmen oft, ohne dass wir es merken, wo wir uns wohl fühlen. Deshalb sollte man eine neue Wohnung nie nur mit den Augen und der Vernunft auswählen, sondern auch mit den Ohren, denn in ihnen rauschen, wie in einer leeren Muschel am Strand, die Klangwellen der Kindheit und jene Dreiklänge, die wir mit dem Vater und der Mutter in den ersten Räumen und Träumen erlebten.

Stefan Zweifel