Home Philosophy 4

Home Philosophy 4

Illustration Simon Trüb

 

Der Mantel ist ein Haus

Viele Kinder haben ein „Nuscheli“, ohne das sie nicht einschlafen können. Und manche Menschen wollen vor ihrem Tod einmal noch in ein altes verlöchertes Pijama steigen. So tragen wir Kleider und Stoffe durchs Leben, die aus unseren Erinnerungen gewebt sind. Und in denen fühlen wir uns aufgehoben, geborgen und daheim.
„Der Mantel ist ein Haus“. So donnerte einmal der deutsche Philosoph Hegel. Er hat den Weg des dumpfen Bewusstseins des Tieres über das Selbstbewusstsein des Menschen bis zum absoluten Weltgeist aufgezeichnet und auch die Künste hierarchisch geordnet. Die Mode passt mit ihrer Flüchtigkeit nicht so recht in sein System. Doch mit diesem einen Satz gab er uns einen schönen Wink.

Als in Urzeiten die Menschen den Schutz der Wälder aufgeben mussten, in denen sie wie die Gorillas Nester in Bäumen bauten, um furchtlos schlafen zu können, legten sie ihr Fell ab. Neue Schweissdrüsen erlaubten es ihnen, unter dem Fluch der Sonne durch die Savannen zu streifen, ohne das ihr grosses Hirn überhitzt wurde. Die Haut aber begannen sie bald mit fremden Fellen und Häuten zu schützen, aus denen sie auch erste Behausungen in Form von Zelten bauten. Kleid und Haus wurde zu einer zweiten Haut.

Und als hätte das Hegel bereits alles gewusst, ergänzte er sein Diktum: „Der Mantel ist ein Haus, in dem man sich frei bewegt.“ Oder eben nicht – wie in der Mode seiner Zeit um 1800, die er geisselte: Denn der „moderne“ Mantel wirft nur „starre Falten“ wie ein „steifer Sack“, während in der Antike bei den Griechen die Gewänder frei über den Leib flossen wie der Schaum über die Glieder der Aphrodite, als sie der Gischt des Meeres entstieg. Dieses freie Spiel wich der reinen „Zweckmässigkeit“, in die man ein Leben sperrt, das nur noch eine Funktion im Getriebe des Staates ist.


Die Lust des Osterhasen

Das Diktat der „Zweckmässigkeit“ wanderte vom Mantel in unsere Häuser. Gerade an Ostern zeigt sich die Armut modernistischer Bauten, wenn man ein Versteck für bemalte Eier und Schoko-Hasen sucht. Schon in den 1920er Jahren stempelte Adolf Loos das Ornament zum „Verbrechen“. Er feierte die reine Funktionalität, was zu glatten Räumen mit grossen Fenstern führte, wobei Stahl und Glas die Verhärtung der Welt anzeigen. Während das Holz noch atmete, sind die Wohnungen heute nach aussen abgeschlossen, die Luft kreist nur noch kontrolliert durch die Klimaanlage und Roboterstaubsauger säubern Böden, in denen sich nicht mehr wie zwischen den Holzbrettern Staub und Milben ansammeln können. Die Wohnung wird zur in sich geschlossenen Monade, die mit der Welt durch Bildschirme vernetzt ist und nur noch durch virtuelle Atmung verbunden bleibt.

Das merkt man als Bewohner, wenn man an Ostern für seine Kinder Verstecke sucht. Walter Benjamin, ein Kenner von Hegel und auch der Barockphilosophie, entwarf 1932 eine kleine Philosophie des Versteckens für Osterhasen. Benjamin tröstete zwar noch die Bewohner moderner Bauten mit dem Hinweis, dass sie auch in den Schreibmaschinen noch Hohlräume finden – doch wo sind sie heute hin?, wo die iPads als schwarze Flächen auf dem Sofa glänzen und sich die Laptops flach zuklappen lassen?

Was eigentlich ist das beste Versteck? Das offensichtlichste! Benjamin empfiehlt, die Eier nicht unsichtbar in Schubladen zu verstecken, sondern offen in den Raum zu legen, als Verschluss auf eine Weinflasche, unter „die Falten des Tischtuchs“ oder auf die Pedalen des Klaviers. Bodennah weitet sich die Wohnung so zur Wiese, durch die die Hasen hüpfen.

Die Winkel der Altbauten erleichtert den Eltern das Verstecken. Glatte Wände und sterile Bauten machen es ihnen schwer. Häuser mit Winkeln und Falten lassen Raum für den Zufall – zuweilen findet man das letzte Osterei erst im Sommer, wenn es zu stinken beginnt. Doch wollen wir diesen Gestank wirklich aus unserem Leben verbannen – wie die Falten mit Botox?

Die "Zwecklosigkeit" alter Kleider, die wir nicht wegwerfen, weil sie uns an schöne Stunden erinnern, häufen sich in staubigen Winkeln. Das ist scheinbar so zwecklos wie ein "Nuscheli". Und doch hängen wir ein Leben lang an ihm.

Vielleicht wird auch dieses Jahr die geheimnislose Moderne vom Osterhasen überlistet, der gern seine Eier in verwinkelten Altbauten versteckt. Gerade das Zwecklose ist oft so schön wie die Poesie. Vergänglich wie die Wolken am Himmel. Vergänglich und zwecklos wie wir selbst. Wenn wir die Falten nicht wegspritzen, um uns an die Illusion der Zeitlosigkeit zu klammen, nisten sich die Erinnerungen im Augenwinkel ein wie alte Kleider im Staub der Schränke. Doch in ihnen entfaltet sich die Erinnerung an Vergangenes, die das Jetzt poetisch verzaubert. Feiern wir also die Winkel und Falten, die Zwecklosigkeit und die Vergänglichkeit. Das Altern macht die jeweilige Gegenwart nämlich sinnlicher und lustiger. So gesehen ist Hegels Satz ein Wink für uns alle.

Stefan Zweifel