Home Philosophy 6

Home Philosophy 6, Stefan Zweifel

Illustration: Simon Trüb

 

Im Haus der Sprache

„Die Sprache ist das Haus des Seins.“ Man muss das vielleicht nicht so hochgestochen meinen wie der deutsche Philosoph Martin Heidegger, von dem dieser Spruch stammt. Man kann es auch ganz kindlich verspielt verstehen wie Peter Bichsel in seiner Geschichte Ein Tisch ist ein Tisch: Ein einsamer Mann fühlt sich in der konventionellen Sprache nicht mehr wirklich zu Hause, sie langweilt ihn. Deshalb beginnt er allem einen anderen Namen zu geben. Ein Tisch ist dann kein Tisch mehr, sondern ein „Teppich“, und das Bett nennt er „Bild“, die Zeitung umgekehrt „Bett“. Das freut ihn und er lacht, wenn er am Morgen aus dem „Bild“ steigt und sich an den „Teppich“ setzt, um einen Kaffee zu trinken und sich durch das „Bett“ zu blättern. Doch bald vereinsamt er in seiner Privatsprache, die niemand mehr versteht. Sein neues Haus, sein neues Heim wird ihm unheimlich.

Das Buch als Haus

So wie die Sprache ist auch jedes Buch ein Haus. Das Treppenhaus besteht aus den Klappentexten und den Zitaten zahlreicher Kritikerstimmen, die aus den unteren Etagen nach oben hallen. Gewisse Bücher, die Nobelhotels gleichen, erhalten als Eingangshalle ein Vorwort. Bei anderen hört man aus dem Keller der Fussnoten das aufgeregte Gerede der Gelehrten, die auf sich aufmerksam machen möchten.

Als Leser bewohnt man solche Bücher. Darunter gibt es solche, die man nur ganz allein bewohnen möchte. Man wäre verstimmt, wenn man zwischen den Kapiteln auf andere Leser träfe. Andere Bücher möchte man mit seinen Liebsten gemeinsam bewohnen. Und in gewissen Bestsellern herrscht so ein Gedränge, dass man schon vor dem Eingang sich abwendet als wäre das Buch-Haus ein Trump-Tower.

Schlägt man das Buch auf, legt man sich als Leser zwischen die Seiten wie zwischen Bettdecken und träumt in den Sprachräumen der Autoren. Der französische Autor Georges Perec ging diesem Phänomen in seinem Werk Träume von Räumen nach. Er fragt sich, was ein Raum ist, und beginnt die Suche mit seinem Bett, streift durch die Zimmer und Wohnungen, in denen er einmal geschlafen und geträumt hat, philosophiert über Häuser, Strassen und Städte, den Unterschied von Stadt und Land, die Funktion der Grenzen und die Fiktion der Nationen, um schliesslich im unendlichen Raum des Weltalls zu landen. Als Adresse gibt er an:

„Georges Perec
18, rue de l’Assomption
Treppenaufgang A
3. Stock
rechte Tür
Paris 16. Quartier
Seine
Frankreich
Europa
Welt
Universum.“

Das Haus als Buch

Doch vor seinem Streifzug durch das All aller Räume gibt Perec als Ur-Raum nicht das Bett im Zimmer, sondern die „weisse Seite“ an. Das ist der leere Raum, den er als Autor „bewohnt“. Die Idee, dass jede Seite ein Zimmer ist, hat ihn zu einem der radikalsten und kühnsten Experimente in der Geschichte der Literatur inspiriert. Zu seinem mathe-magischen Meisterwerk Das Leben Gebrauchsanweisung. Perec schildert in dem Roman ein banales Mietshaus an einem Abend im Jahr 1978. Man hüpft von Kapitel zu Kapitel, von Zimmer zu Zimmer, bis sich nach und nach das Rätsel eines exzentrischen Millionärs lüftet, der sein Leben einem Kunst- Experiment widmete, das fast so verrückt ist wie Perecs Roman selbst:

Für jedes Kapitel hat Perec, wie man erst später in seinem Nachlass herausfand, nämlich lange Listen mit Regelzwängen erstellt: Listen mit 42 Wörtern, Farben, Möbeln und Zitaten aus der Weltliteratur, die er nach mathematischen Regeln jedem der 99 Kapiteln zuordnete, wobei er sie im jeweiligen Kapitel so unterbringen musste, dass der Leser nichts merkt.

Dabei wandelt sich jedes Kapitel und jedes Zimmer in einen eigenen und ganz eigensinnigen Sprach-Raum. Um nicht in die Wort-Fallen zu tappen, muss man mit dem Spürsinn von Detektiv Columbo zwischen den Wort-Möbel und Vokal-Vasen über die Teppich-Zungen tappen. Damit unsere Leser nicht ins Stolpern geraten, enthüllen wir im Link die geheimen Leit-Wörter des besonders kuriosen Kapitels 3.

Als Leser wandelt man durch die wunderlichen Kapitel und Zimmer und wird in den nächsten Ferien nie mehr in eine Badewanne steigen, ohne daran zu denken, wer hier schon einmal gebadet hat; man wird unter den Schaum- und Wortblasen darüber sinnieren, was einen mit den früheren Touristen verbindet, was man in anderen Badewannen und Zimmern schon erlebt hat, und wird vielleicht, träumend und schäumend, zum Erfinder eines eigenen Sprachhauses.

Stefan Zweifel


Georges Perec:
Das Leben Gebrauchsanweisung – Romane, übers. Eugen Helmlé, diaphanes Verlag 2017
Träume von Räumen, diaphanes, übers. Eugen Helms, diaphanes Verlag 2016