Home Philosophy 7

Home Philosophy 7 by Simon Trüb and Stefan Zweifel

Illustration: Simon Trüb


Ich sage: Fleur!

Ich sage: eine Blume! und schon erhebt sich fern des Vergessens, in das meine Stimme jeglichen Umriss verbannt, und so ganz anders als die bekannten Kelche, auf musikalische Weise, ideenhaft und zartsinnig, die Abwesende aller Sträusse.

Je dis: une fleur! et, hors de l’oubli où ma voix relègue aucun contour, en tant que quelque chose d’autre que les calices sus, musicalement se lève, idée même et suave, l’absente de tous bouquets.

Stéphane Mallarmé, 1886

 

Der Garten mit seinen gepflegten Blumen ist ein Sinnbild und Abbild des Paradieses, das ja auch durch Grenzen von der Welt der Sterblichkeit getrennt war. Bis heute erfüllte der Garten diese Funktion: Hinter ihm liegt die ungepflegte Wildnis, in ihm zeigt sich die Zivilisation. Historisch neigten der sogenannte französische oder der englische Garten zu mehr Wildwuchs oder zu mehr geometrischer Strenge. Immer aber zeigt sich in ihnen die hegende Hand.

Heute nun begreift man den ganzen Globus als Aufgabe für unsere Zivilisation, als grenzenloser Garten, in dem man keine Wälder roden dürfte, ohne die anderen zu fragen. Der politische Auftrag ist klar – doch was ist der poetische Auftrag?

Seit dem ersten Lockdown haben viele von uns den Luxus eines eigenen Balkons oder gar einer Terrasse entdeckt. Den anderen winkt als Mode: Mikrogardening. So flüchtet man sich in eine kleine heile Welt und versinkt im Anblick einer Blume. Doch was will uns das grüne Blatt unter Glas oder die einzelne Blume sagen?

Welchen Wink wollte uns der symbolistische französische Dichter Mallarmé mit seinen Worten: „Je dis: une fleur!“ sagen? Was passiert, wenn der Dichter den Namen einer Blume ausspricht, eine einzelne Blume anspricht? 
In der Dichtung blüht jedes Wort für sich auf wie eine Blume, ohne im Blütenrausch des Strausses zu versinken. Dichter glauben an die magische Kraft einzelner Wörter. Dieser emotionale Bezug an die Klangfarbe eines einzelnen Wortes wird offenbar ganz früh im Gehirn des Kleinkindes ausgebildet und begleitet uns ein Leben lang. Und wer doch nie empfänglich ist für den Klingklang und Eigensinn eines einzelnen Wortes, wird vielleicht durch Dichtung oder einen Song dafür empfänglich.

In der Alltagssprache steht jedes Wort im Dienst einer Information. Je nach Sprache und Syntax verbindet es sich mit anderen Wörtern zu einem Satz, zu einem Strauss. Der Strauss hat eine Funktion: Man überreicht ihn aus Liebe, zum Trost, zur Gratulation … Die einzelne Blume spielt dabei, genau betrachtet, keine Rolle mehr.
Jedes Kind ist eine Blume – in der Kinderkrippe wird es zum ersten Mal in einen Strauss eingebunden. Und was passiert erst im Kindergarten? Da verschwinden ja nicht nur die einzelnen Blumen, sondern ganze Sträuche und Sträusse im Gesamtbild.
Später, in der Schule, fragen sich die Eltern immer wieder: Können die LehrerInnen ihrem Kind im „bouquet“ der ganzen Klasse wirklich gerecht werden? Wie kann es sich so ungebunden und frei entwickeln wie das einzelne Wort in einem Gedicht? Darf es sich auf den Unterrichtsstoff nicht seinen eigenen Reim machen?
Die wahre Blume ist „l’absente de tous les bouquets“, wie Mallarmé sagt – und damit, wie ein anderer Dichter meinte, „der reine Widerspruch“. Von Spruch und Widerspruch aber lebt die Dichtung. In ihr muss, in ihr darf nicht alles aufgehen. Und so lesen wir auf dem Grabstein von Rilke in Sion:

«Rose,
oh reiner
Widerspruch,
Lust,
Niemandes 
Schlaf
Zu sein
Unter soviel
Lidern.»

 

Stefan Zweifel