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Home Philosophy, Stefan Zweifel, Simon Trüb, enSoie

Illustration: Simon Trüb

 

Ferien vom Ich

Wären wir Weinbergschnecken, wir würden unser Haus und unsere Wohnung mit uns in die Ferien nehmen. Da wir aber keine Schnecken sind, machen wir in Hotels und neuen Räumen neue Erfahrungen. Wir dehnen und sehnen uns in der Fremde nach einem anderen Ich. Denn unser Ich möchte aus dem Gehäuse seiner Gewohnheiten ausbrechen. 

Und so ist jede Reise ein Versprechen auf Aufbruch und Ausbruch. Aus unserem bekannten Umfeld brechen wir auf in den U-topos: In die Utopie, dass vielleicht doch ein anderes Leben möglich sei. Das ist vielleicht der tiefere Sinn des Reisens, den man so schmerzlich nach den Ferien spürt bei der Rückkehr in sein altes Schneckenhaus.

Was eigentlich war an den Ferien so schön? Man merkt es vielleicht gar nicht so sehr in den Ferien selbst, während man die Augen in das Glitzern der Wellen im Licht der untergehenden Sonne versenkt. Sondern man merkt es, wenn man zurück ist.

Man merkt es, wenn man am ersten Tag zu Hause in die Flanellhosen schlüpft, die man in einer Strand-Boutique gekauft hat, weil die eigenen Jeans zu heiss waren. Zunächst nämlich ist man noch froh und stolz, dass die anderen Leute ab und zu einen Blick auf die Hosen oder auf die Espadrilles werfen, man fühlt sich fast schon kühn und leicht erhaben über all die Angepassten. Aber auf dem Weg zur ersten Sitzung fühlt man sich darin dann doch nicht mehr ganz so wohl. Sitzt die Hose plötzlich schlecht? Oder – ist es das Ich, das plötzlich geschrumpft ist und die Hose nicht mehr füllt?

Man stolpert mit den Espadrilles auf der Treppe – überhaupt: Überall stösst man an Kanten und Ecken. Die Proportionen zwischen dem eigenen Ich und der Welt sind aus den Fugen. Auch die eigene Wohnung wirkt nach einer wohligen Nacht, in der man sich über die Rückkehr ins gewohnte Bett freut, plötzlich eng. Nicht gerade wie ein Kerker – aber doch: Weshalb sind hier die Decken eigentlich immer so tief? Weshalb hat man Türen statt weich wehender Vorhänge? Weshalb wirkt der Übergang vom Innen ins Aussen plötzlich so hart? Die eigene Wohnung ist zwar weit grösser als das Hotelzimmer am Strand, und doch fühlt man sich viel stärker eingekapselt.

Dann geht man durch die Stadt und merkt, wie das eigene Ich plötzlich wieder hinter dem Gitter der Gewohnheiten Platz nimmt und sich brav an den Stammtisch im Café setzt, mitten zwischen vertraute Gesichter und Gesten. Da wirken die eigenen Handbewegungen, die die südländische Lässigkeit angenommen haben, allzu raumgreifend und aufgesetzt. Fast schon importiert. Man holt die eigenen Hände wieder zurück hinter die Schweizer Grenzen. Man schrumpft wieder in sein altes Gehäuse, in sein altes Ich und verdrängt sein wahres Selbst.

Denn das Selbst, es «horcht auch mit den Ohren des Geistes», wie Friedrich Nietzsche sagte. Es hält sich nicht an die Ordnung des Körpers und hört nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Poren des Geistes, die sich wie die Haut in der feuchten Meeresluft geweitet hatten. Es lacht, sagt Nietzsche, «über dein Ich und seine stolzen Sprünge» im Kreis unserer kleinen Gesellschaft. Denn das Selbst sehnt sich nach dem Meer, das mit seinen Wellen die festen Konturen unseres Ichs weg leckt und wegschwemmt wie die Spuren im Sand am Strand.

Diesen Ruf des Selbst vernimmt man manchmal noch, wenn man am Schrank vorbeigeht, auf den man die Muscheln gelegt hat, die man am Strand gesammelt hat. In ihnen rauscht das Meer – das ewige «Mehr». Doch bald schon verstauben die Muscheln – und eines Tages werfen wir sie weg. Und mit ihnen die vergessenen Träume, die uns in den Ferien so berauschten.
Ja, das Selbst möchte, dass unser Ich ein Anderer wird. Deshalb regt es sich immer, wenn wir Ferien planen, es züngelt hervor und zischt und möchte, dass wir aus unserem Schneckenhaus ausbrechen, dass sich die Schnecke in eine Schlange wandelt – denn die wirft bekanntlich ihre Haut ab. So wie wir nach den Ferien oft unser eigenes Haus abwerfen möchten. Das wäre freilich erst der Anfang für die Ferien von unserem Ich. Würden wir den Ruf der Muscheln verstehen, könnten wir diese Ferien das nächste Mal – zu Hause machen.

 
Stefan Zweifel