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Simon Trüb for enSoie

Illustration: Simon Trüb

 

Der grenzenlose Garten

Seit dem ersten Lockdown haben viele von uns den Luxus eines eigenen Balkons oder gar einer Terrasse entdeckt. Den anderen winkt als Mode: Microgardening und Growing-Concept-Pflanzen in Glasflaschen. So flüchtet man sich in eine kleine heile Welt und betrachtet hinter Glas die gezähmte Natur. Doch soll man sich, wie einst der französische Philosoph Voltaire meinte, wirklich nur noch um den eigenen Garten kümmern? Denn wenn man es recht bedenkt, ist jeder Garten ein Wink hinaus in die weite Welt. Das jedenfalls dachte ich, als ich kürzlich im Engadin auf einer Weide stand…

Da steht er, mitten in der Landschaft: Ein Alpengarten. Rot baumeln Hängenelken vor dem Himmel, der das Blau des Rittersporns aufnimmt, während Alpenmohn sich gelb im Wind wiegt. Ein Idyll. Eingeschlossen und umgrenzt wird das Blumenmeer von einer Mauer aus schwarzen Schieferplatten. So also liegt er da, der Garten. Behütet und begrenzt, ein Stück Kultur mitten in der reinen Natur der gewaltigen Wiese. 

Doch ist nicht diese Wiese auch eine Art Garten? Gepflegt von Kühen und Schafen ist sie fast frei von Unkraut. Und wird ihrerseits von einem Hag eingezäunt. Und von einem Wald. Doch ist nicht auch der Wald ein Garten, von Menschenhand gemacht? Schliesslich gibt es kaum mehr einen Fleck Urwald in der Schweiz, überall wirkt die Hand des Försters und gerade in Graubünden auch der Finger des Jägers am Abzughahn. Natur ist bei uns immer schon Kultur. 

Der Garten liegt also im Garten eines Gartens. Das eben ist: Die Schweiz. Das merkte als Erster der Genfer Philosoph und Autor Jean-Jacques Rousseau. 1776 notierte er bei Spaziergängen in den Wäldern die Einfälle zu seinem letzten Buch auf Jasskarten: „Spaziergänge eines einsam Schweifenden“. Mit diesem Buch begründete er die fast schon wie Unkraut wuchernde Mode des „Nature Writing“. 

Im Jura stiess er auf der Suche nach dem natürlichen Menschen, nach dem guten Menschen vor aller Zivilisation, in die Wälder vor. Bald schon legte er sich auf einen Felsen, streichelte das Moos, pflückte Blumen und Blätter für sein Herbarium (das heute in der Zentralbibliothek Zürich liegt), hörte dem Pfiff der Adler zu und fühlte sich wie Kolumbus, der einen unbefleckten Kontinent entdeckt hat. Da hörte er ein Hämmern an sein Ohr klopfen. Er folgt dem Klappern und tritt durch das Gebüsch wie durch einen Bühnenvorhang und: Voilà!, da steht er vor einer Strumpf-Fabrik!

Da beginnt er zu räsonieren, schliesslich ist er ja ein Philosoph. Und er notiert: Nirgend auf der Welt sind sich Natur und Kultur so nah wie in der Schweiz. Ja, er meint: „Die ganze Schweiz ist, wenn man so will, eine einzige grosse Stadt, deren Strassen länger und breiter sind als die Rue St. Antoine, gesprenkelt mit Wäldern, durchschnitten von Bergen, und die zerstreuten und abgesonderten Häuser sind miteinander durch englische Gärten verbunden.“ Die Schweiz als Garten Eden.

Freilich gab es im Paradies noch keine Grenzen. Erst beim Sündenfall ratterte das Gatter herunter, um das unbefleckte Paradies vom Blick der sündigen Menschen zu schützen. Seither sehnt sich jeder zurück in dieses Paradies – und folglich nach einem Garten.

Holt man sich den jedoch im Glas als Microgardening zu sich nach Hause, sollte man das eher wie eine Glaskugel betrachten, in der man eine mögliche Zukunft betrachtet, in der die Natur so schön beschützt ist wie es uns diese Mode vorgaukelt. Doch diese Zukunft wird nur möglich, wenn wir unsere Gärten nicht mehr mit Schiefersteinen eingrenzen, weil wir eingesehen haben, dass die ganze Welt ein einziger Garten ist.

Stefan Zweifel